Ausschlafen auch unter der Woche – das wünscht sich fast jeder Schüler. Doch für die meisten heißt es von Montag bis Freitag: Früh aufstehen - sehr früh. Bekanntermaßen klingelt bei vielen der Wecker morgens schon um 6 Uhr, besonders bei denen, die einen weiteren Anreiseweg haben. Möglicherweise doch noch mal 5 Minuten die Schlummer-Taste drücken? Fehlanzeige. Schließlich müssen sie eventuell den Bus oder die Straßenbahn erwischen. Und zu spät kommen kommt bei den Lehrern gar nicht gut an. Also müssen sich die Schüler eben aus dem Bett quälen - an fünf Tagen in der Woche.

 

Regelmäßig belegen internationale Studien, dass das eigentlich nicht zielführend ist. Denn vor allem für Jugendliche in der Pubertät ist es morgens um 6 Uhr noch mitten in der Nacht - wenigstens nach deren Biorhythmus. Im Jahr 2015 legte der Chronobiologe Thomas Kantermann von der Universität von Groningen eine Studie zum Thema im "Journal of Biological Rhythms" vor. Über 700 niederländische Schüler nahmen teil - das Ergebnis: Nicht einmal der vergleichsweise moderate Schulbeginn in den Niederlanden um 8.15 Uhr passt zur inneren Uhr der Schüler. Denn im Durchschnitt schliefen diese im Rahmen der Studie überwiegend bis 9 Uhr. Auch aktuellere Forschungen belegen diese Ergebnisse: Christoph Randler, Professor für Biologie-Didaktik an der Universität Tübingen, geht davon aus, dass ein zu früher Schulbeginn mehr als die Hälfte der Schüler massiv benachteiligt - mit Auswirkungen auf ihre Leistung, ihre späteren Berufschancen und sogar ihre Gesundheit.

 

Eine Lösung für den Umgang mit diesem Problem hat die Reformschule Kassel für sich gefunden. Diese Lösung wird im laufenden Schuljahr erprobt und evaluiert. Dort heißen die Zauberworte "offener Anfang". Schulleiterin Elke Hilliger erklärt: "Wir haben für die Stufe III (Jahrgänge 6-8) zwischen 7.45 Uhr und 8.35 Uhr einen Zeitraum geschaffen, in dem die Schüler in der Schule ankommen können." Heißt: Ab 7.45 Uhr ist die Schule geöffnet, der Unterricht beginnt aber erst um 8.35 Uhr. "Spätestens dann müssen alle Schüler auch da sein", sagt Hilliger. Sie findet: "Wenn man sich die Studien anschaut, stellt man schnell fest, dass es nicht richtig ist, morgens früher anzufangen." Der Offene Anfang ermöglicht im Verbindung mit dem traditionellen FRÜBEN-Konzept der Lehrperson, sich einzelnen Kindern zuzuwenden und bestimmte Lerninhalte noch einmal aufzugreifen. Sei es um individuelle Schwierigkeiten zu klären oder um den Kindern zusätzliche Angebote zu machen.

 

Abb.1: Offene Anfang an der Reformschule aus Schülerperspektive (Quelle: Ricky Cramer)

Das bestätigen auch die Kinder und Jugendlichen selbst, z.B. eine Schülerin aus der III c berichtet: "Ich komme oft schon um 7.45 Uhr in die Schule, quatsche mit Freunden, frühstücke und plane meine Woche. Wir helfen uns auch viel gegenseitig.“. Eine Mitschülerin ergänzt: "Morgens ist es schön bei uns in der Schule: In der Cafeteria sind viele Schüler und unterhalten sich." Und sie erzählt weiter: "Wenn ich etwas nicht verstanden habe oder noch Aufgaben erledigen muss, dann gehe ich schon um 8.00 Uhr in die Gruppenräume und bekomme dort Unterstützung durch die Lehrer".  Im Gegensatz dazu wirft ein anderer Schüler sehr selbstbewusst ein: „ich arbeite offene Aufgaben nachmittags nach und schlafe lieber länger, dann bin ich nicht so müde.“

 

An der Reformschule haben die Schüler der Stufe III seit diesem Schuljahr die Wahl:

 

Ab 07.45 Uhr die Cafeteria aufzusuchen (Frühstücken, Möglichkeit des Austausches und der Begegnung)

Ab 08.00 Uhr am FRÜBEN teilzunehmen (freies Üben)

07.45 Uhr an verschiedenen Förderkursen teilzunehmen (Englisch, Mathe oder Deutsch) oder

Erst um 08.35 am Regelunterricht teilzunehmen

 

So soll den Kindern ein entspannter Beginn des Schultages ermöglicht werden. Sie sollen in ruhiger Atmosphäre zusammen kommen und sich auf den neuen Tag einstellen. Neben der übertragenen Verantwortung für die eigene Lernbiographie erhalten die Kinder dabei die Gelegenheit, soziale Kontakte zu vertiefen und Schule nicht nur als Ort des Lernens, sondern auch des Lebens zu erfahren. Gleichzeitig können die Kinder den Kontakt zur LehrerInnen vertiefen und von Erlebnissen außerhalb der Schule berichten.

 

Und so klingelt bei tausenden Schülern im Land auch am Montag der Wecker wieder, wenn es draußen gerade dämmert. Ob sich daran in naher Zukunft etwas ändern könnte, liegt allein im Ermessensspielraum der Schulen selbst, besonders wenn sie Ganztagsschulen sind oder werden.

 

 

Bericht: Ricky Cramer